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Seit sieben Jahren führt der BewusstSchein e.V. Workshops in Bildungsinstitutionen durch. Der gemeinnützige Verein arbeitet mit Jugendlichen, die stundenlang auf TikTok unterwegs sind und selbst nicht genau erklären können, warum. Mit Schüler:innen, die Algorithmen intuitiv verstehen, aber nie gelernt haben, diese Erkenntnisse für sich zu nutzen.
Diese Erfahrungen sind der Ausgangspunkt, von dem aus der BewusstSchein e.V. im Folgenden die aktuelle Debatte über ein Social-Media-Verbot für Minderjährige bewertet. Seine Haltung: Das Verbot stellt die richtigen Fragen, gibt jedoch trotzdem die falsche Antwort. Er positioniert sich gegen ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige und fordert stattdessen eine konsequente Plattformregulierung, strukturell verankerte Medienbildung und eine politische Verantwortung, die beides endlich ernst nimmt.
“Die Probleme im Umgang mit sozialen Medien entstehen nicht wegen der Jugendlichkeit. Sie entstehen wegen der Architekturen der Plattformen und in einer Gesellschaft, die Menschen nie beigebracht hat, sich darin zu bewegen. Beides muss sich ändern: die Plattformen durch verbindliche Regulierung, die Bildungslandschaft durch strukturelle Reform. Und die Politik muss aufhören, diese Verantwortung auf die Nutzer:innen abzuwälzen”, so Lea Grünzinger, Co-Gründerin und Vorstand des BewusstSchein e.V.
Digitale Überlastung ist kein Randphänomen.
Laut einer aktuellen Leopoldina-Publikation (Brailovskaia et al. 2025, Diskussion Nr. 40) zeigen in Deutschland rund ¼ der 10- bis 17-Jährigen ein riskantes oder suchtartiges Nutzungsverhalten. In unseren Workshops begegnen uns regelmäßig Jugendliche, die mehr Zeit auf sozialen Plattformen verbringen, als sie es selbst wollen. Doch nicht nur Jugendliche sind betroffen.
"Über eine Million Kinder mit riskantem Nutzungsverhalten. Das sind keine Zahlen. Das sind Kinder, die in unseren Workshops sitzen und nicken, wenn wir ihnen erklären, was mit ihnen passiert", so Nora Wunderwald, Co-Gründerin und Vorstand des BewusstSchein e.V.
Dass Menschen mehr Zeit am Smartphone verbringen, als ihnen gut tut, ist kein Willens- oder Charakterproblem. Es ist kein jugendlicher Leichtsinn. Es ist ein Designproblem:
Infinite Scroll, Autoplay-Funktionen, algorithmisch optimierte Feeds und Benachrichtigungsschleifen sind bewusst darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit von Nutzer:innen zu binden. Die dahinterstehenden Mechanismen funktionieren bei Vierzehnjährigen, aber auch bei Vierzigjährigen. Doch Jugendliche befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der diese Mechanismen besonders tief wirken und zwar neurologisch, sozial und identitätsbildend. Das ist kein Argument für Ausschluss. Es ist ein Argument für gezielte Bildung und entschlossene Regulierung.
Gleichzeitig erleben wir in unseren Workshops, dass Jugendliche sehr wohl in der Lage sind, diese Mechanismen zu verstehen und zu hinterfragen, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Was wir aber auch sehen: Medienbildung ist in deutschen Schulen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Sie hängt an einzelnen engagierten Lehrpersonen, wird in Projekttagen abgehandelt oder bleibt ganz aus.
Warum ein Verbot nicht schützt
Ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige mag politisch entschlossen wirken. In der Praxis löst es die Kernprobleme jedoch nicht.
- Es adressiert Symptome, nicht Ursachen
Die suchtverstärkenden Mechanismen der Plattformen bleiben für alle anderen Nutzer:innen unverändert bestehen. Wer nie schwimmen lernt, wird auch nicht sicherer, wenn man ihn jahrelang vom Beckenrand fernhält. Ein Verbot schützt Jugendliche temporär vor dem Zugang, nicht aber davor, mit siebzehn auf dieselben Mechanismen zu treffen, ohne je gelernt zu haben, damit umzugehen.
„Eine Generation, die nie gelernt hat, sich in digitalen Räumen zu behaupten, wird dort auch als Erwachsene nicht souverän sein. Ausschluss schützt nicht, er verschiebt das Problem lediglich.", so Lea Grünzinger, Co-Gründerin und Vorstand des BewusstSchein e.V.
- Es schließt aus, statt zu befähigen
Soziale Medien sind für viele Jugendliche nicht nur Unterhaltung, sondern Kommunikationsraum, Informationsquelle und Ort gesellschaftlicher Teilhabe. Insbesondere für marginalisierte Gruppen (etwa LGBTQIA+) kann dieser Zugang für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit und das Erleben von Akzeptanz prägend sein. Wer vom Zugang ausgeschlossen wird, erwirbt zentrale digitale Kompetenzen später oder gar nicht. Digitale Mündigkeit entsteht nicht durch Abstand, sondern durch begleitetes Erleben.
- Es funktioniert technisch kaum
Erste Erfahrungen mit Social-Media-Verboten zeigen, dass Jugendliche Altersbeschränkungen beispielsweise über VPN-Dienste umgehen. Nutzung verlagert sich dadurch in weniger moderierte, intransparentere Räume. Hinzu kommt: Eine technische Durchsetzung erfordert invasive Altersverifikationssysteme, mit erheblichen Risiken für Anonymität im Netz und Datenschutz.
- Es ignoriert die Vorbildfrage
Im Gespräch mit Eltern erleben wir immer wieder dieselbe Spannung: Eltern, die ihren Kindern Bildschirmzeit begrenzen wollen, selbst aber kaum vom Smartphone loskommen. Digitale Abhängigkeit ist kein Jugendproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir müssen es auch gesamtgesellschaftlich lösen.
Wirkungsvolle Maßnahmen
1. Plattformen regulieren.
Wir erleben in jedem Workshop dasselbe: Jugendliche verstehen am Ende, wie Algorithmen funktionieren, warum Feeds so gebaut sind, welche Interessen dahinterstehen. Sie nicken. Sie finden es unfair. Und in der Pause greifen sie trotzdem zum Handy. Weil die Mechanismen stärker sind als das Wissen darüber. Das ist nicht ihr Versagen. Das ist der Beweis, dass Bildung allein nicht ausreichen kann. Deshalb ist Regulierung eine praktische Konsequenz aus dem, was wir täglich sehen. Konkret bedeutet das: verbindliche Einschränkung von Infinite Scroll und Autoplay, chronologische Feeds als Standard für vulnerable Gruppen wie Minderjährige, Verbot glücksspielähnlicher Designelemente, transparente Kennzeichnung personalisierter Inhalte. Keine freiwilligen Selbstverpflichtungen, die folgenlos bleiben, sondern durchsetzbare Pflichten mit echten Konsequenzen. Suchtdesign ist ein Geschäftsmodell. Und solange es erlaubt ist, können ethisch gestaltete, gemeinwohlorientierte Plattformangebote nicht konkurrieren. Wir glauben, dass eine andere digitale Öffentlichkeit möglich ist: Plattformen, die nicht von Aufmerksamkeitsextraktion leben, sondern von echtem Nutzen. Räume, in denen Algorithmen transparent und im Interesse der Nutzer:innen gestaltet sind und nicht gegen sie. Opt-in statt Opt-out als Grundprinzip. Personalisierung, Autoplay, Benachrichtigungsschleifen nur dort, wo Nutzer:innen sie aktiv wählen. Diese Alternativen können nicht gedeihen, solange der Markt von Mechanismen dominiert wird, gegen die sich Aufmerksamkeit kaum verteidigen kann.
"Wenn wir wissen wie der Algorithmus funktioniert und trotzdem nicht aufhören können zu scrollen, dann ist das kein Versagen der Nutzer:innen. Das ist Absicht der Plattform", so Nora Wunderwald, Co-Gründerin und Vorstand, BewusstSchein e.V.
2. Medienbildung flächendeckend verankern.
Medienkompetenz gehört in die Lehrpläne und nicht nur als Zusatzangebot zwischen Vertretungsstunden. Der BewusstSchein e.V. hat 2025 gemeinsam mit dem Land Niedersachsen den Social-Media-Pass entwickelt: ein praxisorientiertes Bildungskonzept für die 7. Jahrgangsstufe, das Jugendliche systematisch vom unreflektierten zum bewussten Umgang mit sozialen Medien begleitet.
3. Alle Generationen mitdenken.
Medienbildung endet nicht mit der Schulzeit. Eltern, Lehrende und Erwachsene benötigen Unterstützung, um selbst reflektiert mit Social Media umzugehen und damit glaubwürdige Begleitung für jüngere Generationen zu sein.
4. Jugendliche einbeziehen und nicht bevormunden.
Jugendliche sind keine passiven Objekte des Medienschutzes. Sie sind kompetente Akteur:innen, die in die Gestaltung digitaler Bildungsangebote einbezogen werden müssen. Unsere Erfahrung zeigt: Wer Jugendliche ernst nimmt und ihnen die Strukturen erklärt, trifft auf Neugier und Kreativität.
Von der Verbotsdebatte zur Verantwortungspolitik
Der Handlungsbedarf ist real. Er darf aber nicht dazu führen, dass komplexe Probleme durch symbolpolitische Schnellschüsse verwaltet werden.
Ein Verbot macht das Internet nicht sicherer. Es verstärkt soziale Ungleichheiten, schafft neue Datenschutzrisiken und lässt die eigentlichen Ursachen unangetastet: manipulative Plattformmechanismen, fehlende Medienbildung, mangelnde gesellschaftliche Vorbilder und eine Politik, die die Verantwortung für die digitale Infrastruktur unserer Gesellschaft bislang zu oft den Geschäftsmodellen großer Konzerne überlassen hat.
Die eigentliche Antwort ist unbequemer, aber wirkungsvoller. Jugendliche brauchen gezielte Begleitung, weil ihre Entwicklungsphase das erfordert. Alle brauchen Plattformen, die nicht auf Sucht gebaut sind, weil das kein individuelles Versagen ist, sondern ein strukturelles Problem. Und die Gesellschaft braucht eine Politik, die beides endlich zusammendenkt: Bildung und Regulierung, Schutz und Teilhabe, Gegenwart und die digitale Zukunft, die wir gestalten wollen.
„Die Frage ist nicht, ob Jugendliche Social Media nutzen. Sie tun es, und sie werden es tun. Die Frage ist, ob wir die Bedingungen dieser Nutzung gestalten oder sie den Geschäftsinteressen der Plattformen überlassen.“, so Lea Sophie Grünzinger, Co-Gründerin und Vorstand des BewusstSchein e.V.
BewusstSchein e.V. steht für diesen Paradigmenwechsel: weg von Verboten, hin zu Bildung und konsequenter Regulierung. Weil eine demokratische digitale Zukunft Menschen braucht, die souverän entscheiden und keine, die nur lange genug ausgesperrt wurden.